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Zweiundzwanzig Striche im Januar – Glitzerfeders persönliches Geschenk

Glitzerfeder der Eichelhäher hält eine Birkenrinde mit vielen kleinen Strichgruppen in die Höhe und erklärt sie Funkenschweif dem Eichhörnchen. Beide stehen vor ihrer Baumhöhle im Wirtschaftswald, umgeben von ersten Frühlingsblumen. Oben der Titel: Was steckt hinter den Strichen?
50 Striche auf einer Birkenrinde und Funkenschweif will wissen, was dahintersteckt.

Der März hatte in der Nacht einen ersten zaghaften Atemzug getan. Noch nicht warm, doch das Licht, das durch das Fenster der Baumhöhle fiel, hatte eine andere Farbe als im Februar. Irgendwie heller und neugieriger.


Glitzerfeder saß am Fensterbrett, beide Schwingen um seine dampfende Tee-Tasse geschlossen, und schaute in den Wald hinaus. Die Birken am Waldrand standen noch kahl da, abgesehen von den ganz ganz kleinen Knospen an den Ästen.


Funkenschweif wollte Glitzerfeder gerade daran erinnern, dass er die Morgenrunde machen muss, da sah sie eine Botschaft vor ihrer Tür, eine kleine, ordentlich gefaltete Rindenkarte mit Rindenschlags geschwungener Schrift: "Guten Morgen ihr zwei! Ich übernehme heute eure Morgenrunde am Silbersee. Ruht euch aus. Ihr habt euch das verdient. – R."


"Eine Stunde!", rief Funkenschweif, die Karte schwingend. "Rindenschlag schenkt uns eine ganze Stunde! Wir könnten das Notiz-Rindenbrett aufräumen, die drei offenen Angebote fertigschreiben, die Eichelkammer neu sortieren, und wenn wir uns beeilen, schaffe ich noch …"


"Funkenschweif."


Glitzerfeder hatte sich nicht umgedreht. Er sprach ruhig, fast beiläufig, den Blick noch immer auf die Birken gerichtet.


"Mmh?", entgegnete Funkenschweif unruhig.


"Schau mal kurz her."


Sie trat an das Fensterbrett und folgte seinem Blick. Dann bemerkte sie es: An der Wand neben dem Fenster hing ein kleines Stück helle Birkenrinde. Darauf waren Striche zu sehen, also ganz viele kleine Striche, ordentlich in zwei Gruppen gruppiert.


"Was ist das?", fragte sie neugierig.


"Januar", sagte Glitzerfeder und zeigte auf die erste Gruppe. "Zweiundzwanzig Striche."


"Und die Zweite?"


"Februar. Achtundzwanzig."


Funkenschweif beugte sich näher. "Was bedeuten die Striche?"


Glitzerfeder trank einen Schluck Tee, bevor er antwortete. "Jeden Morgen, bevor ich die erste Anfrage lese. Bevor das Daily Business beginnt. Trete ich vor die Tür, schaue auf den Wald und atme durch. Zehn Minuten. Nur ich und unser wunderschöner Wirtschaftswald. Kein Rindenbuch, kein Plan, kein Kunde." Er zeigte auf das Birkenrindenstück. "Jeder Morgen an dem ich mir die Zeit nehme, bekommt einen Strich."


Funkenschweif brauchte einen Moment. "Seit Januar? Das habe ich nie bemerkt."


"Du schläfst noch, wenn ich rausgehe", sagte er mit einem kleinen Lächeln.


"Aber … wozu?", fragte sie. Nicht skeptisch. Wirklich neugierig.


Glitzerfeder legte seine Tasse ab und drehte sich jetzt zu ihr um. "Du kennst das doch. Die Tage, an denen wir um sechs schon mitten im Problem stecken. Wo der erste Gedanke des Tages schon ein Brandherd ist. Wie treffe ich dann Entscheidungen?" Er schüttelte den Kopf. "Aus dem Chaos heraus. Aus der Erschöpfung."


Funkenschweif nickte langsam.


"Diese zehn Minuten", fuhr er fort, "die gehören mir. Die schenke ich mir. Danach kann kommen, was will."


Funkenschweif sah sich die Striche noch einmal an. Zweiundzwanzig. Achtundzwanzig. Eine unscheinbare Zahl. Eine große Zahl. "Und an schlechten Tagen?"


"Dann sind es zwei Minuten", sagte er. "Ich stehe trotzdem auf. Ich trete trotzdem raus. Ich schaue auch nur kurz. Doch ich gehe." Er zeigte auf das Brett. "Es geht nicht darum, wie lange. Es geht darum, wie oft. Der Strich zählt genauso."


Funkenschweif öffnete den Mund, um etwas zu sagen und schloss ihn wieder. Dann öffnete sie ihn nochmals. "Ich fange auch an! Heute noch. Und ich starte außerdem ein Morgen-Eicheljournal, und die Wochenstimmungs-Rinde, und jeden zweiten Tag ein kurzes …"


"Ach Funkenschweif" seufzte Glitzerfeder und hob eine Schwinge. 


Verwirrt schaute Funkenschweif zu ihm: "Was den, willst du nicht, dass ich mit dir am Morgen rauskomme?"


"Doch, doch. Darf ich dir zuvor kurz von Silberohr erzählen?"


Funkenschweif runzelte die Stirn. "Wer ist Silberohr?"


"Eine junge Mäusin, der ich mal dabei geholfen habe ihre Upcycling-Expertise zu einem Unternehmen weiterzuentwickeln" Er ließ sich auf den Hocker sinken. "Silberohr hatte eine Gewohnheit, die funktionierte. Eine einzige, gute, echte Gewohnheit. Und dann hat ihr jemand gratuliert. Und dann wollte sie noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Und weißt du, was mit allen passiert ist?"


Stille.


"Irgendeinmal war es für sie zuviel und alle sind umgefallen?", frage Funkenschweif leise.


"Genau, alle", bestätigte Glitzerfeder. "Weil sie den Fokus verloren hat. Weil zu viele Gewohnheiten keine Gewohnheiten mehr sind, sondern ein neues Chaos."


Funkenschweif sah ihn lange an. Dann ließ sie sich auf den Hocker gegenüber sinken.


Glitzerfeder stand auf, öffnete die kleine Lade unter dem Fensterbrett und legte etwas auf den Tisch. Ein Lindenblatt, gefaltet. Darauf, in seiner ruhigen, präzisen Schrift: "Mein Ziel. Mein Versprechen. Meine Unterschrift."


Nahaufnahme eines aufgerollten Pergaments auf einem grünen Lindenblatt, auf dem in geschwungener Schrift steht: Mein Ziel. Mein Versprechen. Links eine Vogelschwinge, rechts eine Eichhörnchen-Pfote. Im Hintergrund eine dampfende Teetasse.
Glitzerfeders Vertrag mit sich selbst liegt auf dem Tisch.

"Das ist mein Vertrag mit mir selbst", sagte er schlicht. "Ich habe ihn im Januar geschrieben, bevor ich den ersten Strich gemacht habe. Nicht für den Wald. Für mich. Damit mein heutiges Ich weiß, warum mein zukünftiges Ich meine Morgengewohnheit braucht."


Funkenschweif las die Zeilen langsam durch. Dann faltete sie das Blatt behutsam wieder zusammen und legte es zurück.


Die Stunde, die Rindenschlag ihnen geschenkt hatte, war fast vergangen. Irgendwo am Silbersee hörte man sein fröhliches Hämmern. Das Licht durch das Fenster war noch eine Nuance heller geworden.


Funkenschweif griff nach einem frischen Lindenblatt, das auf dem Tisch lag. Sie rollte es zwischen den Pfoten. Sie schrieb noch nicht, doch sie dachte nach.


Glitzerfeder der Eichelhäher und Funkenschweif das Eichhörnchen stehen gemeinsam auf ihrer Holzveranda und blicken in den winterlichen Wirtschaftswald. Funkenschweif hält ein Lindenblatt in den Pfoten.
Glitzerfeder und Funkenschweif schauen gemeinsam in den erwachenden Wirtschaftswald.

Und draußen, an der Wand neben dem Fenster, warteten die kleinen Striche geduldig, bereit, einen neuen dazuzubekommen. Morgen früh, vor dem ersten Eicheltee und zwar von Glitzerfeder und Funkenschweif.


Was würdest du dir schenken, wenn du eine Stunde hättest und sie wirklich dir ganz alleine gehört?

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